Vierter Fastensonntag

Wir beginnen mit dem Kreuzzeichen:

Wir sind versammelt im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Gott, der wie ein guter Vater, eine liebende Mutter für uns sorgt, Jesus Christus, der uns Gottes Liebe vorgelebt hat und der Heilige Geist, der uns zusammenführt ist mitten unter uns.

Gebet zu Beginn

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Liebender Gott,

du versammelst uns an diesem Tag in ungewohnter Form zum Gottesdienst.

Du bist bei uns und verbindest uns mit allen Menschen, die zu dir gehören.

Dich bitten wir: stärke uns in dieser Feier, schenke uns die nötige Ruhe, damit wir dein Wort hören und miteinander teilen.

Amen.

Einführende Worte

Wir sind mitten in der Fastenzeit, unterwegs nach Ostern hin. Wir gehen etwas langsamer, fühlen uns vielleicht ausgebremst und bedenken die Zeit. Und wir fasten – notgedrungen – das Schlimmste Fasten überhaupt für uns: wir fasten Kontakte.

Beim Blick nach draußen auf die ruhigen Straßen, die geschlossenen Läden, die gesperrten Spielplätze haben wir den Eindruck, dass die Zeit stillsteht. Mascha Kaléko hat es in einem ihrer Gedichte so ausgedrückt:

 

Die Zeit steht still

 

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.

Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,

scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,

wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.

Da winkt uns wer und schwindet wie ein Traum,

mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

 

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens

An uns vorbei zu einem andern Stern

Und ist im Nahekommen uns schon fern.

Sie anzuhalten suchen wir vergebens

Und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

 

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug

Zurücklegt die ihm zugemeßnen Meilen.

 

Die Zeit steht still. Wir sind es, die einteilen.

 

Die Zeit steht still und dennoch geht, rast sie weiter. Wir sind ausgebremst, aufgefordert die Stunden zu füllen, ohne uns zu treffen, ohne Besuche. Die Öffnungszeiten vieler Läden und Restaurants sind eingeschränkt, wenn sie nicht sowieso geschlossen haben. Wir müssen neu, anders sehen lernen. Darum geht es auch im Evangelium vom 4. Fastensonntag:

Aus dem Evangelium nach Johannes - Die Heilung des Blindgeborenen: 9,1–41

Heilung eines Blinden (c) falco auf Pixabay

Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.

Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?

Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte.

Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?

Einige sagten: Er ist es.

Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich.

Er selbst aber sagte: Ich bin es.

Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?

Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen.

Sie fragten ihn: Wo ist er?

Er sagte: Ich weiß es nicht.

Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.

Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.

Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.

Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.

Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet.

Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht?

Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde.

Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen!

Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen.

Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!

Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.

Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.

Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet?

Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?

Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.

Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können.

Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.

Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?

Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?

Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.

Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.

Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.

Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?

Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Predigt von Pfarrer Wolfgang Acht

Wie blind doch die Leute waren, dass sie das Wunder des Neuanfangs nicht sahen oder sehen wollten. Sie wussten doch sofort die Erklärung für das Phänomen:

  • Da müssen entweder die Eltern oder er selbst gesündigt haben. Man braucht sich also nicht weiter wundern...
  • Da gibt es am Ende einen Zwillingsbruder, es handelt sich also um eine Verwechslung...
  • Welch eine Provokation, am Sabbat einen Teig aus Erde zu mengen; das ist nicht erlaubt, gilt es doch als Entheiligung. Der Heilende ist möglicherweise dämonisch besetzt....

Der Geheilte steht auf einmal allein da und muss sich für seine Freude über die Heilung verteidigen.

Diese Erzählung weist noch einen anderen Aspekt auf: Der Blinde ist nicht nur zum Sehenden geworden, sondern auch zum Glaubenden.

  • Er soll, so der Kontext der Geschichte, schon vorher zum Teich Schiloach gegangen sein, um sich dort zu waschen. Wird schon irgendwie etwas nützen, so dachte er. Mich wundert, dass er sich mit Jesus nochmals dorthin begeben hat. Woher jetzt das Vertrauen, dass es etwas bringt? Vermutlich musste er sich dorthin führen lassen!
  • Er spürt und bekennt, dass er wieder sehen kann, weiß aber nicht, wer ihm half. Der Heilende habe ihm einen Teig aufgelegt und er sich daraufhin waschen müssen. Zweimal wiederholt er wie es geschehen war, doch sie glaubten ihm nicht. Er müsse wohl einem Propheten begegnet sein, der ihm wie der Bote Gottes vorkam.
  • Er war nicht nur von der Blindheit befreit, er wurde von Jesus angesprochen und plötzlich sah er mit dem inneren  Auge, wer da vor ihm steht. Ihm waren wahrhaftig die Augen geöffnet worden. Da blieben ihm nur noch der Dank und die Verehrung des Helfers.

Er ist nicht nur ein Sehender, sondern auch ein Glaubender geworden!

 

Warum erzählt Johannes uns das? Wenn wir genauer auf unsere Situation blicken, dann geschieht das auch heute mitten unter uns.

Wir können die Gruppen von damals mit den Gruppen von heute vergleichen. Wir hören sie auch heute sagen:

  • Das kann nichts anderes als eine Verwechslung sein, denn: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. „Erzähl uns nichts“. Die Hoffnung auf Veränderung, Erneuerung ist reine Utopie. Optimismus ist auch heute verdächtig.
  • Von wegen Umkehr und Neuanfang. Es soll alles beim Alten bleiben. Diese Blindheit leisten sich gesellschaftliche und kirchliche Kreise. Hatte Jesus nicht gesagt, geht und verkündet eine neue Botschaft und geht damit zu allen Menschen?
  • Wir feiern hier das Wunder der göttlichen Zuwendung durch Jesus. Das wird zu sehr eine Gewohnheit, die keine Folgen für unser Leben haben muss. Wir gehen am Ende leider oft, wie wir vorher gekommen sind. Also kein heilsamer Augenblick, kein Wagnis zur Umkehr!
  • „Das tut man nicht“ sagten die Pharisäer zu Jesus. Es geht nur noch um die Korrektheit, welche die Menschen und ihre Not aus dem Blick verliert. Ist denn helfen und heilen nur noch etwas für Spezialisten? Wehe dann dem Arzt, dem Pflegepersonal, wenn sie nicht zur Besserung beitragen. Das ist doch im Grunde ein blindes, unmenschliches System!
  • Wir sagen, dass wir Jesus kennen. Wir ahnen und spüren, was er uns bedeutet, aber wir reden nicht von ihm in unserem Leben und in den alltäglichen Vollzügen. Ja, wir leben, als glaubten wir nicht mehr an ihn und an Gott. Es gibt ein Gottesverschweigen. Das ist auch eine Art Blindheit, von der wir uns heilen lassen dürfen!

 

Es besteht die Gefahr, wie „Blindgeborene“ zu leben.  Durch die Taufe, die Firmung, den Empfang der Sakramente und durch das Hören auf das Wort Gottes sind und werden wir eigentlich von der Blindheit, auch der des Herzens, befreit. Verstecken wir uns als  Sehende nicht hinter der Blindheit als Schutz!?

 

So fragt uns heute Jesus, wie er damals den Geheilten fragte: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Die Frage:“ Wer bist du, Herr? „ bräuchten wir eigentlich nicht mehr zu stellen, weil wir , wenn  Hostie und  Kelch erhoben werden, gesagt bekommen: „Du siehst ihn vor dir, er ist es, der Herr!“

Geben wir die Blindheit der Angst, der Vorbehalte, der Passivität auf und bekennen wir uns zu uns zu ihm, dem wahren Heiler unserer Blindheit!

Gotteslobvideo (GL 365): Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke

Gotteslobvideo (GL 365): Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke

Fürbitten

Sprechen wir unsere Bitten aus, die uns auf dem Herzen liegen oder tun wir dies in einem Moment der Stille.

Gebet & Segen

Liebender Gott,

du bist der Morgen am Ende der Nacht,

du bist die Sonne, die jeden Tag aufgeht,

dich bitten wir:

Lass uns in dieser Zeit neu sehen lernen.

Öffne uns die Augen, schenke uns Ideen und Kreativität

füreinander da zu sein, besonders für die Kranken,

die Schwachen und die Trauernden.

Öffne uns die Augen auch für die Not der Menschen

in den Flüchtlingslagern,

für die Ertrinkenden im Mittelmeer.

Öffne uns die Augen für uns selbst,

schenke uns Vertrauen und Gelassenheit

und den Glauben,

dass auch diese Zeit vorbeigeht

und wir mit neuen und anderen Augen die Welt und unsere Mitmenschen sehen.

So segne uns und alle, denen wir uns verbunden fühlen der gütige Gott:

Vater, Sohn und Hl. Geist. Amen.